Fantasien eines kleinen Jungen.

Die Begierde

Beinahe jede Minute schritten Leute an mir vorbei. Es war merkwürdig, wie einige Leute mich kaum bemerkten und andere mir wiederum Blicke voller Begierde zuwarfen, es jedoch nicht wagten mich zu berühren, oder auch nur daran zu denken Geld für mich auszugeben.

Und so verweilte ich eine lange Zeit, zwar nicht unbemerkt, aber dennoch kaum beachtet. Mit mir verharrten noch einige andere, unberührt. Es war wohl gerade nicht die richtige Saison. Ausserdem gab es eine grosse Konkurrenz, für die Werbung im Fernseher, in Illustrierten und an weiteren Orten existierte, und so die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Uns blieb eigentlich nur unser treuer Liebhaberkreis, der nicht im Geringsten daran dachte sich der Konkurrenz zuzuwenden. Denn wer einmal an uns Gefallen gefunden hatte, wollte weder auf die hohe Qualität, die wir boten, noch auf den Spass, den man mit uns erlebte, verzichten.

So kam es nach langem Warten dazu, dass sich ein Interessent bis zu uns verirrte. „Endlich“, dachten die meisten von uns, genauer gesagt, dachten das alle ausser mir. Denn ich bin ein wenig wählerisch und der Kunde wirkte auf mich etwas zu jung und unerfahren, weshalb ich dann auch froh war, dass nicht ich ausgewählt wurde.

Darauf gab es wieder lange Zeit niemanden, der sich für uns interessierte oder zumindest niemanden, der es wagte, Geld für uns auszugeben. Dies geschah unter anderem deshalb, weil einige unserer Interessenten in Begleitung waren und sie nicht unbedingt wollten, dass ihre Begleitung erfuhr, wofür sie ihr hart verdientes Geld ausgaben. Zumal nicht wenige von ihnen an einigen Freitagabenden, wie auch des öfteren an Samstagen und Sonntagen, unseretwegen nicht zu Hause waren, teilweise sogar ganze Nächte durchmachten, um sich erst am darauf folgendem Tag müde und erschöpft auf den Heimweg begaben.

Aber dann, nach langer Wartezeit, kam endlich wieder ein Kunde. Dieser war älter als es der letzte und er wirkte auch wesentlich erfahrener. Natürlich kann dieser Eindruck täuschen, aber wenn man genug Kunden gesehen hat, entwickelt man ein Gespür für solche Dinge.

Er suchte tatsächlich mich aus, worüber ich überglücklich war, denn ich war sicher, dass er meine Qualitäten zu schätzen wusste und auch richtig mit mir umgehen konnte, schön behutsam, wie es sich gehört. Nachdem er bezahlt hatte – ich war nicht gerade billig – verliess er mit mir das Gebäude.

Wir fuhren zu ihm nach Hause. Dort, nachdem die Hüllen gefallen waren und er alles genau betrachtet hatte, berührte er dann mein Inneres äusserst behutsam. Wie aus dem nichts geschossen, erklang der Freudenschrei:

Juhu ein foil Ravager! Der kommt sofort in meine Sammlung!“ Seit diesem Tag befindet sich mein teurer Inhalt, zusammen mit vielen anderen seltenen Karten, im Sammelordner dieses erfahrenen Spielers.

Eine kleine Erklärung zum obigen Text, ich habe ein klein wenig aufgeäumt und bin (unter anderem) über diesen Text gestolpert, und dachte ich poste ihn einfach mal.
Es war ursprünglich ein Schulaufsatz aber, das ist schon eine ganze Weile her.
Die Geschichte hat zwar nichts direkt mit Magic zu tun, aber ich hoffe dennoch, dass niemand der ihn gelesen hat, sich seiner Zeit beraubt fühlt, und fals doch, kann es nicht all zu viel Zeit gewesen sein. Mich hat es auf jeden Fall ein wenig amüsiert als ich die Geschichte (wieder) gelesen habe, ich hoffe das geht auch einigen andern so.

Über Tigris

Schweizer Magicspieler.
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2 Responses to Fantasien eines kleinen Jungen.

  1. Lars sagt:

    Lehrreicher Beitrag. Bereichernd, wenn man das Thema auch mal aus einer anderen Perspektive betrachten kann.

  2. Kazan sagt:

    Schöner Essay.
    Erinnert mich an die Zeit, als ich den Schritt vom Küchentisch (Emperor, Highlander) zum FNM gemacht habe. Ja, Mirrodin macht eben doch nostalgisch, v.a. weil ich wie viele wohl seit damals keine Booster mehr „sinnlos“ aufgemacht habe…
    Heute werde ich mir wohl mal wieder ein Booster kaufen 🙂

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