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Wilde Jagd – MTG Kurzgeschichte

Da die Geschichte im Idealfall wohl für sich selbst sprechen kann, werde ich die Einleitung entsprechend kurz halten.

Die Idee eines Freundes, die folgendem Text zugrunde liegt, war schlichtweg, dass Flavor-Texte eigentlich eine recht nette Inspirationsquelle für Kurzgeschichten bieten.

Um nicht zu viel Spannung vorweg zu nehmen, werde ich die entsprechende Karte erst am Ende des Textes verlinken. Zu erraten welche es ist, dürfte jedoch vermutlich nicht allzu schwer werden.

 viel Spaß beim Lesen!

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Vallash pirschte sich langsam durchs Unterholz des kleinen Waldes nahe des Gebirgsflusses, er achtete dabei intuitiv darauf keine trockenen Äste oder Zweige zu zerbrechen. Genau wie sein Vater es ihm als kleinen Jungen beigebracht hatte. Er hatte seine Plattenrüstung und sein Krummschwert im Lager gelassen, denn er musste sich schnell und lautlos bewegen können. Ihm war zum ersten Mal bei einer Jagd die Ehre zu Teil gekommen als Späher die Beute aufzuspüren. Sein Speer reichte ihm völlig aus, da er ihn werfen aber auch zur Not im Nahkampf einsetzen konnte. Sein roter Stoffwams war schon an einigen Stellen geflickt worden, doch war er für diese Jahreszeit trotzdem zu warm und der Schweiß rann ihm den Rücken hinab. Er lehnte sich gegen einen hohen Baum und wollte sich eine kurze Pause im Schatten gönnen als er auf der Lichtung direkt vor ihm ein Schnauben vernahm.

Vallash spähte vorsichtig am Stamm vorbei und erblickte ein Blutschwein, das gerade aus einem kleinen fast vertrockneten Tümpel braunes Wasser sof. „Was für ein Zufall!“ dachte er. Denn ein Blutschwein traf man nur selten alleine an. Jeder Mardu kannte das Sprichwort: „Wir Mardu sind wie Blutschweine. Wir sind wild, jagen in Rudeln und säubern unsere Klingen nur selten vom Blut.“ Seine Gefährten – der Ork Roghar und die Menschenfrau Asha – mussten auch ganz in der Nähe sein. Doch wollte er nicht auf sie warten. Er wollte alleine den Ruhm für sich beanspruchen, dass er ein Blutschwein ohne fremde Hilfe erlegt hatte. Wenn er dies geschafft hätte könnte er endlich Asha fragen, ob sie sein Frau werden würde. Dann hätte er den anderen Krieger seiner Horde gezeigt, dass er ein wahrer Mardu war. Ihr Lachen würde ihnen dann schon vergehen. Sein Griff um den Speerschafft wurde fester, sodass die Knöchel seiner Hände weiß hervor traten. Er atmete einmal tief durch, bevor er sich langsam auf die Lichtung zu bewegte.

Das Schwein hatte ihn noch nicht bemerkt, da es weiterhin schlabbernd aus der Wassergrube trank. Blutschweine sind zwar genauso brutal und blutrünstig wie Mardu-Krieger doch sind sie nicht besonders intelligent. Darum hatte Vallash auch nie das Sprichwort ganz nachvollziehen können. Er war natürlich wie jeder Mardu ein brutaler Krieger und lebte für den Kampf, aber er wollte trotzdem nicht mit einem dummen Schwein verglichen werden.

Als er sich dem trinkenden Schwein langsam näherte kam ihm ein widerlicher Gestank von altem Blut und Kot entgegen. Blutschweinmännchen hatten die Angewohnheit sich in ihren eigenen Fäkalien zu suhlen. Dies taten sie um anziehender für die Weibchen zu werden. Doch Vallash bezweifelte das diese Masche auch wirklich funktionierte und nicht viel eher abstoßend wirkte. Vielleicht gab es deshalb in den letzten Jahren immer weniger von ihnen.

Jetzt war er nahe genug. Er holte mit einer weiten Bewegung aus und wollte den Speer in den ungeschützten Hals des Tieres rammen. Als das Schwein ihn im letzten Augenblick bemerkte und sich zu ihm hindrehte, verfehlte sein Stoß das Ziel und traf nur den Oberschenkel des linken Vorderbeins. Vom plötzlichen Schmerz rasend trat das Schwein mit solche einer Kraft aus, dass die Speerspitze abbrach und Vallash nur noch mit dem Holzschaft in der Hand durch die Luft geschleudert wurde. Er prallte mit so einer Wucht auf den ausgetrockneten Waldboden, dass all seine Knochen im Körper knackten. Das Schwein rammte in wilder Raserei einen seiner riesigen messerscharfen Hauer nur knapp an Vallashs Arm vorbei in die Erde. Hätte er sich nicht in letzter Sekunde zur Seite gedreht hätte es seine Brust getroffen und der Kampf wäre verloren gewesen. Doch so konnte er sich wieder auf die Bein hieven. Der Speer war ohne Spitze fast nutzlos. Er musste sich eine neue Strategie ausdenken. Das Schwein hatte nach dem Aufprall auf dem harten Boden kurz die Orientierung verloren. Doch jetzt stand es mit den Hufen scharrend und mit hasserfüllten Augen wenige Meter vor Vallash.

Es stürzte mit einem lauten, grunzenden Gebrüll auf ihn. Der Mardu-Krieger rammte mit einem reflexartigen Ausfallschritt den zerbrochenen Speer in das Maul des Blutschweins, welches auf ihn zu sprang. Doch von der Wucht wurde er zu Boden gedrückt und unter dem schweren Tier begraben. Der Speer war in tausend Einzelteile zersplittert und nicht mehr zu gebrauchen. Vallash versuchte sich mit enormer körperlicher Anstrengung von dem blutenden, stinkenden Körper zu befreien der auf ihm lag. Die Adern seines Bizeps traten bei dem Versuch stark hervor, aber er war zu geschwächt von dem Kampf, sodass das Schwein mit seinem gesamten Gewicht wieder auf seine Brust sackte und ihm die Luft aus der Lunge presste. Da fiel ihm ein, dass er noch sein Messer in der Scheide in seinem Stiefel stecken hatte. Damit könnte er versuchen sich zu befreien. Doch gerade als er sich tastend dem Griff des Messers näherte wachte das Blutschwein auf und bäumte sich über ihm auf. Er hatte keine Chance zu entkommen, als er plötzlich eine tiefe, kehlige Stimme brüllen hörte: „Runter!!!“ Vallash riss seine Arme hoch um sich sein Gesicht zu schützen. Ein gut gezielter Pfeil traf das Schwein in die Seite, es ließ von Vallash ab und preschte in die Richtung aus der es den Schützen vermutete. Ein zweiter, schwarzgefiederter Pfeil ließ den rechten Augapfel platzen und drang mit einem schmatzenden Geräusch in das Gehirn des wild gewordenen Ebers ein, sodass er in vollem Lauf gegen einen Baumstumpf prallte. Er war sofort tot.

Roghar sog die Luft durch seine breiten Naseflügel ein. Er witterte den unverkennbaren Geruch der Blutschweine. Sie konnten nicht weit weg sein. „Doch warum hat Vallash uns noch nicht informiert?“ fragte er sich. Er hatte ihm vor der Jagd die unterschiedlichen Pfeiftöne beigebracht, welche dem Rest der Jäger symbolisieren sollten welcher Beute der Späher auf der Fährte war. Normalerweise wäre er es gewesen, der die Jagd anführte, dafür war er als Ork mit seinem Geruchssinn prädestiniert gewesen. Doch er hatte Vallash diesmal den Vorzug gelassen. Auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte hatte Roghar sich verpflichtet gefühlt für Vallash zu Sorgen nachdem sein Vater gestorben war.

Ein lautes Grunzen gefolgt von einem Schrei rissen ihn aus seinen Gedanken. „Verdammt ich habe nicht aufgepasst“ tadelte er sich selbst. Er gab Asha, die direkt hinter ihm war, ein Zeichen und rief ihr zu: „Es kam von dort, los!“ Dabei deutete er in die Richtung aus der die Kampfgeräusche zu hören waren. Im Laufen nahm er seinen riesigen, geschwungenen Hornbogen von der Schulter und zog einen Pfeil aus dem Köcher. Es konnte nicht weit weg sein. Er kam auf eine kleine Lichtung gesprungen und sah einen riesigen Keiler über seinem Freund Vallash aufragen. Gedanken schnell rief er: „Runter!“ spannte den Bogen und ließ einen Pfeil von der Sehne schnellen, er traf das Schwein in die Seite. Jetzt wurde das Blutschwein auf ihn aufmerksam und rannte rasend vor Schmerz auf Roghar zu. Genau dies hatte er beabsichtigt, denn so konnte sich Vallash in Sicherheit bringen. Er zog mit einer von vielen Jahren harter Übung reflexartigen Handbewegung einen weiteren Pfeil aus dem Köcher auf seinem Rücken, hielt den Atem an, schloss sein linkes Auge, nahm genau Maß und ließ den Pfeil los. Der Schädel des Blutschweins wurde durch die Augenhöhle durchstoßen. Der Eber rammte mit der Wucht des Ansturms in eine Baumwurzel. Ein splitterndes Geräusch von brechendem Holz und brechenden Knochen war zu hören. Aber Roghar wusste, dass sein Opfer bereits vor dem Aufprall tot war.

Asha rannte hinter dem massigen Ork her. Doch ihre, im Vergleich zum Ork, kurzen Beine trugen sie nicht so schnell. Sie fiel mit jedem Schritt etwas weiter zurück. Asha zog ihre elegant geschwungene Klinge, denn das Getöse, was vor ihr zu hören war ließ auf einen Kampf um Leben und Tod schließen. Als sie an einem Baum vorbei auf eine Lichtung trat sah sie ein Blutschwein mit einem Pfeil in der Seite und vor Wut schäumendem Maul auf den seelenruhig da stehenden Roghar zustürmen. Dieser spannte den Bogen erneut und tötete den heraneilenden Eber mit einem gut gezielten Schuss, wie sie es nur von Roghar erwartet hätte. Er war wahrhaftig der beste Schütze der Horde. Dafür beneideten viele andere Mardu den alten Ork-Krieger.

Doch dann erblickte sie Vallash, der blutverschmiert neben einem Tümpel lag. Sie rannte sofort zu ihm hin um zu schauen wie es ihm ging. Er war noch am Leben. Mit sich überschlagenden Worten fragte sie ihn: „Wie geht es dir, bist du verletzt?“ Er stammelte von den Anstrengungen des Kampfes noch ganz erschöpft: „Mir geht es gut. Ich habe nichts.“ Sie nahm ihn in den Arm und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann half sie ihm hoch.

Roghar war in der Zwischenzeit mit seinem übergroßen Messer am Blutschwein zu Gange. Ihm gebührte die Ehre das kostbarste Stück der Beute für sich zu beanspruchen, da er derjenige war, der den tödlichen Schuss abgegeben hatte. Er riss mit der linken den ohnehin gebrochenen Oberkiefer nach oben und hackte mit einem einzigen Hieb die Zunge des Schweins ab und steckte sie sich in den vor Appetit wässrigen Mund. Das weiche Muskelgewebe galt für einen Mardu als Delikatesse. Erst nachdem er sich seinen verdienten Lohn genommen hatte drehte er sich zu Vallash und Asha um. Er brüllte den Menschen mit vor Zorn, aber auch Enttäuschung, bebender Stimme an: „Warum hast du uns nicht gerufen? Ich habe dir doch vor der Jagd noch einmal die Erkennungszeichen beigebracht!“ Vallash ließ seinen Kopf sinken. Im Nachhinein wurde ihm klar, wie dumm er gehandelt hatte. Als er gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, unterbrach ihn der Ork: „Ruhig!“ er legte seinen Kopf in den Nacken und begann zu schnüffeln „Wir müssen hier weg. Es sind noch mehr Blutschweine in der Nähe.“ rief er in dem er sich umschaute um auszumachen, wo die Blutschweine waren. Die Frage beantwortete sich von selbst, als vier ausgewachsene Blutschwein durch das Unterholz auf die Lichtung geprescht kamen. „Wir Mardu sind wie Blutschweine. Wir sind wild, jagen in Rudeln…“

Asha und Roghar hechteten zur Seite, wobei Asha sich formvollendet abrollte und sofort wieder zum Stehen kam. Roghar hingegen landete mit dem Bauch im Staub. Vom Kampf noch völlig erschöpft hatte Vallash nicht so viel Glück. Er wurde von einem dunkelbraunen, zotteligen Blutschwein auf seine Stoßzähne gespießt, sie bohrten sich durch seinen Bauch und traten am Rücken wieder aus. Ein höllischer Schmerz durchfuhr ihn. Seine Sinne begannen zu schwinden. Mit einer letzten Anstrengung hob er sein rechtes Bein, sodass er sein Messer ziehen konnte. Diesmal gelang es ihm auf Anhieb. Ihm wurde schwarz vor Auge, doch stach er blind auf den Schädel des Keilers ein. Vallash konnte wie aus weiter Ferne seinen Namen vernehmen. Es musste Asha gewesen sein. Er wurde vom Blutschwein Meter weit mit geschleppt und es kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor. Auf einmal wurde es hell um ihn und er hatte das Gefühl als würde er fallen. Ganz tief fallen. Das letzte was Vallash empfand war Reue. Reue dafür, dass er seine Freunde in Gefahr gebracht hatte, nur weil er Ruhm erlangen wollte.

Autor: Kenji

Zwei Seiten einer Münze

Da die Geschichte im Idealfall wohl für sich selbst sprechen kann, werde ich die Einleitung entsprechend kurz halten.

 Die Idee eines Freundes, die folgendem Text zugrunde liegt, war schlichtweg, dass Flavor-Texte eigentlich eine recht nette Inspirationsquelle für Kurzgeschichten bieten.

 Um nicht zu viel Spannung vorweg zu nehmen, werde ich die entsprechende Karte erst am Ende des Textes verlinken. Zu erraten welche es ist, dürfte jedoch vermutlich nicht allzu schwer werden.

 Als kleiner Tip: die Geschichte spielt auf Innistrad

 (Hoffentlich) viel Spaß beim Lesen!

Zwei Seiten einer Münze

Die Flamme verzehrt mich. Der Zyklus endet. Meine Folter beginnt.

Was vor Momenten noch strahlend hell leuchtete, verliert mit rasender Geschwindigkeit seinen Schein. Die Geräusche des Waldes… ich kann sie nicht mehr hören. Meine Glieder sind  schwer, so unglaublich schwer. Es dauert nicht lange, bis mein Gefängnis aus Fleisch mich erneut umschließt.

Obwohl das Tier mir auch in diesem Zustand eine Schnelligkeit und Stärke verleiht, die mich allen, die mein Schicksal nicht teilen, überlegen macht, fühle ich mich zerbrechlich und schwach.

Ich trage die Gewissheit in mir, dass ich so nur ein Schatten dessen bin, was ich sein kann… ein Schatten dessen, was ich bin! Der „Fluch des Lykaners“, wie sie ihn nennen, ist meine Erlösung und der Schmerz der Verwandlung läutert mich von dem Schmutz der Gasse, die ich mein Zuhause nenne.

Am Tage streifen mich die Blicke der Dorfbewohner. Sie sehen mich, doch sie erkennen mich nicht. Mein menschliches Gesicht ist die Maske, die es ihnen verwehrt, mein wahres Wesen zu erblicken. Für sie bin ich den Schmutz nicht wert, in dem ich zu schlafen scheine. Doch sie irren sich. Der kleine Bruder des Todes besucht mich schon lange nicht mehr. Ich bin wachsam und ich habe gelernt, dass es sich lohnt, auf die Dunkelheit zu warten.

Die Kälte der Nacht sorgt dafür, dass das warme Blut, welches auch Minuten nach dem Gemetzel noch aus den Kadavern rinnt, sich als feine Dampfschwaden mit dem Nebel des anbrechenden Tages vermischt. Tolar Dreifinger wird sein Messer nie mehr an meine Kehle pressen und auch Jekall sieht ohne Kopf deutlich weniger furchterregend und groß aus, als es noch vor wenigen Augenblicken der Fall war. Der Blick, den Sekar, das Auge, in das Dunkel der Nacht wirft, wirkt auch starr und zerbrochen noch immer so, als hoffe er auf eine Antwort auf die Frage, was es war, das ihn getroffen- und in Stücke gerissen hat. Seine Sinne waren nicht in der Lage, den herannahenden Tod zu begreifen.

Sie alle waren gekommen um von mir zu nehmen und ich habe ihnen mehr gegeben, als sie ertragen konnten.

Die leuchtende Scheibe des Mondes lässt die mit Blut beschmierte Klinge, die noch vor wenigen Augenblicken in mir steckte, silbern glänzen. Welch Ironie, die Illusion des einzigen Metalls, das mich noch töten kann, auf einer Klinge aus wertlosem Damast zu sehen.

Das sehnsuchtsvoll erwartete Licht des neuen Tages wird sich für die Bewohner des Dorfes auch an diesem Morgen in blutrot gefärbtem Tau brechen. Der Anblick zerfrisst ihre Seelen. In aller Deutlichkeit wird ihnen Nacht für Nacht vor Augen geführt, dass sie weder fliehen- noch bleiben können. Es gibt keine Flucht vor dem Rudel. Ihre Klingen konnten sich noch nie mit unseren Klauen messen. Wir sind eins mit der Nacht und die Perfektion der Jagd.

Wie der Sand einer Uhr, die eine Schale verlässt um eine andere Schale zu füllen, lichten sich ihre Reihen. Sie werden schwächer und wir werden stärker. Das ist der neue, unaufhaltsame Lauf der Dinge. Und sollten, wie das Flüstern des Windes verkündet, die Clans sich tatsächlich vereinen, hält ihr Gott wahrlich keine Gnade für sie bereit!

Bis die Zeit gekommen ist, werde ich auch weiterhin meine Maske tragen, mich unter sie mischen und in Geduld üben. Wartend auf eine Freiheit, zu der mir nur die Bestie, die in mir schlummert, verhelfen vermag.

Die Tage sind lang. Doch die Nächte sind länger.

 

Tormented Pariah & Rampaging Werewolf

Nachtwache – MTG Kurzgeschichte

Da die Geschichte im Idealfall wohl für sich selbst sprechen kann, werde ich die Einleitung entsprechend kurz halten.

Die Idee eines Freundes, die folgendem Text zugrunde liegt, war schlichtweg, dass Flavor-Texte eigentlich eine recht nette Inspirationsquelle für Kurzgeschichten bieten.

Um nicht zu viel Spannung vorweg zu nehmen, werde ich die entsprechende Karte erst am Ende des Textes verlinken. Zu erraten welche es ist, dürfte jedoch vermutlich nicht allzu schwer werden.

 Als kleiner Tip: die Geschichte spielt auf Innistrad

 (Hoffentlich) viel Spaß beim Lesen!

 

Nachtwache

Ich bin der Beschützer und wache über die Seelen des Dorfes. Meine Augen versuchen die Dunkelheit zu durchdringen und Bewegungen in dem auslaufenden Dickicht des Waldes zu erkennen. Viele Wölfe sind den silbernen Spitzen meiner Pfeile und der Schneide meiner Schwerter bereits zum Opfer gefallen und auch in dieser Nacht werde ich meinen Posten nicht verlassen.

Meine Klingen sind scharf und mein Wille ist eisern.
Und doch ist diese Nacht besonders. Die Schatten und die Irrlichter, welche mich schon in so vielen Nächten geängstigt– und in die Irre geführt haben, vermögen meine Augen nicht mehr zu täuschen. Sie rufen nach mir. Die Bilder in meinem Geiste, die ich dem Fieberwahn zugeschrieben hatte, sind nicht mit ihm verschwunden. Ich… erinnere mich. Was ich vor meinem inneren Auge sehe, können jedoch unmöglich die Erinnerungen meines eigenen Fleisches sein. Sie fühlen sich alt an. Uralt. Fremd. Kalt. Nein, keine die Glieder lähmende Kälte, sondern eher… gefühlskalt. Erbarmungslos. Bar jeglichen menschlichen Gefühls. Was geschieht mit mir? Eine nie gekannte und ungezügelte Wildheit erfüllt mich und das Blut meiner Adern droht meinen Schädel zu zersprengen!

Ich werde meinen Posten nicht verlassen!
Der klägliche Rest der ehemals 200 Seelen, die das Dorf noch vor wenigen Wochen beherbergt hat, ist nun jede Nacht hinter verschlossenen Türen verbarrikadiert. Alle, die bisher von den Bestien verschont wurden, warten nun, zusammengepfercht wie Schafe, auf die Morgendämmerung und das erlösende Signal der Wächter.

„Eine weitere Nacht überstehen und einen weiteren Tag leben“, ist alles, was die Dorfbewohner sich noch zu wünschen im Stande sind. Träume von Reichtum und fernen Ländern sind im Angesicht der nächtlichen Schrecken verblasst und ein süßer Duft von Angst liegt wie ein Dunstschleier über dem Tal. In mir reift die Erkenntnis, dass, ganz entgegen der Lehren des Lunarchen Mikaeus, sehr wohl Schatten existieren, die kein Licht der Sonne je zu durchdringen vermag.

Ich werde meinen Posten nicht verlassen!
Mein Empfinden der Zeit verändert sich. Alles wird… langsamer. Meine Sinne werden schärfer. Die Nähte meiner Kleidung scheuern unerträglich auf meiner Haut. Ich höre den Hirsch auf der Lichtung, die auf der anderen Seite des Dorfes liegt, grasen. Die Geräusche des Waldes… ich erkenne sie alle. Kleine Herzen und große… sie alle pumpen dasselbe süße Blut. Das angstvolle Bellen der Hunde ist einem kläglichen Winseln gewichen. Hunde, Schafe, Dorfbewohner. Wo liegt der Unterschied? Beute.

Ein erwartungsvoller Geschmack von Eisen erfüllt meinen Mund. Obwohl ich mit aller Macht versuche, mich an das zu klammern, was mir von meinem Bewusstsein noch geblieben ist, bahnt sich ein uraltes Vermächtnis unbarmherzig einen Weg durch meinen Körper und droht, mein Innerstes mit sich zu reißen. Auch wenn ich meinen Posten nun verlassen muss, so hoffe ich doch, dass zumindest ein kleiner Teil von mir es vermag, der Bestie, die aus mir hervorbricht, zu folgen.

Der Fetzen des Bewusstseins, welcher der Kreatur geblieben ist, braucht lange um zu verstehen, dass die Quelle der unmenschlichen Schreie, die ihre empfindlichen Ohren malträtieren ihr eigener, von der Transformation geschundener Körper ist. Das Feuer, das einen Körper dahinschmelzen lässt, um einen anderen, widerstandsfähigeren zu formen, brennt lichterloh. Die Schmerzen, die es dabei verursacht, sind nur ein kleiner- und sehr vernachlässigbarer Teil dessen, was es wirklich fordert. Eine erschaffende Flamme will genährt werden und Hunger ist der eigentliche Preis, den sie verlangt. Unendlicher, unstillbarer Hunger.
Und so findet die Jagd, die ewig scheint und niemals endet, in dieser Nacht erneut einen Anfang.

Hanweir Watchkeep & Bane of Hanweir