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Netdecking – Fluch & Segen

Hallo und willkommen zurück,

es ist nun schon etwas länger her, dass ich einen Blogbeitrag geschrieben habe, aber heute war mir wieder danach.

Wie ihr dem Titel entnehmen könnt, möchte ich heute ein bisschen über das Netdecking schreiben. Zuerst einmal eine kleine Begriffserklärung:

Netdecking:

Verschiedene Quellen im Internet
WOTC
MTGTop8
MTGGoldfish
MTGSalvation
nach Decks durchsuchen und dann eines dieser Decks spielen.

Als Gegensatz dazu haben wir das Brewen:

Brewing:

Nur mit dem Wissen über vorhandene Karten ein Deck bauen, dieses dann testen und verbessern.

Das Urban Dictionary beschreibt Netdecking wie folgt:
Urban Dictionary

Beim Netdecking enden wir meistens mit einem der aktuellen Meta-Decks, also Decks die stark sind und deshalb häufig gespielt werden. Der Grund: Man selbst möchte natürlich gewinnen, also warum sollte ich also ein schwaches Deck spielen, das ich selbst gebaut habe?

Unterschiede

Beim Brewing kommen alle möglichen Decks zustande. Oft kann man natürlich einschätzen, welche Karten stark sind und welche nicht und vielleicht erhält man auch aus eigenem Antrieb heraus eines der Meta-Decks. Es kann jedoch auch anders kommen und man findet sich mit einem Deck wieder, das zwar so ziemlich jedes Matchup verliert, aber vielleicht trotzdem Spaß macht zum Spielen, eben weil es ja die eigene Arbeit ist.

Das Netdecking ist dabei garnicht so alt, eigentlich gibt es das Netdecken erst seit der Verbreitung des Internets für Privathaushalte. Früher wussten die Spieler kaum, welche Decks bei globalen Events gut abgeschnitten haben und man beschränkte sich auf das Meta des Local Game Stores bzw. des eigenen Küchentisches.

Nun gibt es Meinungen die sagen, dass man als Spieler nicht weiter kommt, wenn man lediglich Listen aus dem Internet kopiert und mit diesen zu Wettbewerben fährt. Zudem ist es oftmals nervig immer und immer wieder gegen die selben/ähnlichen Decks zu spielen, egal ob man ein gutes oder schlechtes Matchup erwischt. Na hat noch jemand Lust auf ne Runde Standard gegen GW Humans oder Bant COmpany?

Wenn man aber schon Geld bezahlt, um an einem Turnier teilnehmen zu können, dann sollte es auch erlaubt sein, jedes beliebige Deck zu registrieren (solange es natürlich im gespielten Format legal ist). Die Frage ist nur, ob man dadurch auch lernt richtig zu spielen? Man braucht zumindest ein Basiswissen für das Deck, um es verstehen zu können. Doch erst man man ein Deck selbst baut oder zumindest ausreichend oft spielt, lernt man alle Aspekte und Kombos des Decks kennen. Nur wenn man die komplette Synergie eines Decks versteht und kennt, kann man erfolgreich sein (auch wenn einzelne Ergebnisse etwas anderes suggerieren können).

Spieler die lediglich netdecken gewinnen keine Turniere. Spieler, die ein Meta beobachten, ein Deck verfeinern, diese Spieler gewinnen Turniere, selbst wenn sie ihre Startliste aus dem Internet haben.

Der professionelle Aspekt

Im professionellen Standard ist die Sache etwas komplizierter: Kaum ist das eine Set gefühlt einen Monat draußen, schon kommt die nächste Rotation. Zeit ist hier ein limitierender Faktor, der vielen Spielern die Möglichkeit nimmt selbst ein Deck zu bauen. Diese Spieler können lediglich eine Liste aus dem Internet nehmen und ein Deck üben, für mehrere Decks bleiben dabei keine Ressourcen mehr übrig. Und nur wenn man ein Deck übt, lernt man es kennen. Und nur wenn man ein Deck kennt, kann man auch dagegen gewinnen.

Vor allem professionelle Spieler sind dazu angehalten viele verschiedene Decks zu bauen und zu testen um damit die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Immerhin verdienen sie ja ihr täglich Brot zum Teil mit Preisgeldern von Magic Turnieren. Sie müssen also extrem viel Zeit, Energie, Gedanken und Geld in ihre Leidenschaft investieren und erhalten dadurch auch meistens sehr gute Ergebnisse. Hier ist es aber dann auch nicht unüblich, dass viele Profis mit sehr ähnlichen Deck auftreten, denn es gibt nunmal starke Karten und Strategien die meistens schon mit dem Spoiler offen liegen (im aktuellen Spoiler zum Beispiel die neue Chandra). Da viele Profis in Teams spielen, sehen wir auf Constructed Pro-Tours auch oft ähnliche Decks an Tag 2, denn meistens hat ein Team es geschafft ein dominates Deck zu entwickeln, auf welches die anderen Teams nicht vorbereitet waren.

Sobald das Turnier dann vorbei ist, tauchen die Decklisten im Internet auf und jeder hat die Möglichkeit das Deck selbst zu bauen. Dadurch sind vor allem nach großen Turnieren wie der Pro Tour viele ähnliche Decks unterwegs. Klar, je „älter“ das Format ist, desto mehr Karten hat man zur Verfügung ein Deck zu bauen und doch ähneln sich die Top-Decks immer und immer wieder (außer Wizards bannt halt mal eine Karte aus einem Deck und „tötet“ dadurch das Deck).

Auch wenn eine neue Edition kommt posten mittlerweile viele Profis, wie die neuen Standarddecks aussehen könnten. Beispiel gefällig?
20 Standard Decks
Wir sehen hier, dass sich Profis immer auf neue Sets und das neue Envoirment vorbereiten. Wenn sich jeder Pro 10 Decks überlegt, kommt er irgendwann zu dem Schluss, welches gut ist und welches nicht. Dadurch, dass er direkt mit seinem Team testen kann, ist er den meisten Casual Spieler einen Schritt vorraus. Und was viel wichtiger ist: Die Listen der Pros verbreiten sich auf Grund des Interesses der Community auch viel schneller im Internet als die Liste vom Hans Peter aus Hinterdupfing.

w23tygt

Spielertypen

In Magic gibt es grob gesagt drei Typen von Spielern: Timmy, Johnny und Spike.
Timmy möchte etwas erleben, ein Gefühl beim Kartenspielen. Für Timmys ist der Weg das Ziel.
Johnny möchte etwas ausdrücken, er möchte zeigen wie kreativ oder clever er ist, für ihn ist das Bauen eines eigenen Decks das Besondere.
Spike möchte sich beweisen, er möchte allein zeigen, wie gut er ist, was für Fähigkeiten er hat und für ihn ist Gewinnen der Antrieb.

Wir sehen also, dass vor allem Spike ein Netdecker ist und Johnny ein Brewer, während Timmy egal ist woher sein Deck kommt, hauptsache das Spielen macht Spaß. Und wenn wir ehrlich sind, dann trifft auf jeden selbst mindestens eines dieser Profile zu! Das heißt es ist vollkommen natürlich ein Brewer, Netdecker oder beides zu sein. Für alle Timmys die gerne auch ein bisschen Johnny sein möchten gibt es übrigens auch eine recht coole seite:
RougeDeckbuilder

Verschiedene Spieler interagieren eben verschieden mit dem Spiel.

Eine Welt ohne Netdecking

Was wäre, wenn Spieler nicht netdecken würden? Dann hätten wir auf einem Turnier mit 30 Spielern vermutlich 25 verschiedene Decks, also kein richtiges Meta. Aber dadurch wäre auch ein Sideboard irrelevant. Warum:  da man nur 15 Slots hat und nicht 25. Ok, vielleicht wäre das Sideboard nicht irrelevant, aber der Aspekt ein Sideboard für so ein Turnier zu bauen wäre auch eine Art von Brewing. „Weniger Netdecking“ ist ja sowieso schon „mehr Brewing“. Es würde aber auch einige Spieler geben, die den Spaß am Magic verlieren, da sie eventuell nicht gut Brewen können und dadurch nicht erfolgreich auf Turnieren abschließen.

Spieler die auf Netdecking komplett verzichten wollen haben kaum Möglichkeiten:
– Sealed
– Draft
– Commander (und Varianten)

Aber alle Constructed Formate sind Netdeck-Formate. Das ist so. Punkt.
Vor allem Standard. Wer erfolgreich Standardturniere gewinnen möchte muss Netdecken. Selbst wenn man mal mit einem Homebrew den Gameday gewinnt, in der Masse der Ergebnisse geht das unter.

Wollt ihr 100% Kreativität und das Wissen, dass man ein guter Deckbauer ist:
Dann spielt nur noch Limited!

Das Internet

Dabei hat sich im Vergleich zu früher eigentlich nur eine Sache geändert: Die Geschwindigkeit, mit der sich Informationen verbreiten. Früher hatte man noch das Duelist Magazin als Quelle für Decks. Auflage und Verbreitung: Limitiert. Heute haben wir das Internet: Auflage und Verbreitung: Unlimitiert.

Dazu ein kleiner Vergleich:
Lightning Bolt und Lightning Strike
Fragt man einen Spieler, wann er den Strike benutzt, dann nur unter zwei Szenarien:
Bolt ist nicht legal im gespielten Format oder der Spieler möchte mehr Bolt-ähnliche Effekte.
Und selbst da gibt es noch weitere Varianten die vielleicht besser sind: Lightning Helix und Attarka’s Command. Das geht aber nur durch das Vergleichen der jeweiligen Karte. Man brauch also Information über beide Dinge, die man vergleichen möchte.

Der Unterschied heute ist, dass Spieler nicht mehr die Decks in ihren Playstores miteinander vergleichen sondern einfach das Internet mit dessen riesiger Informationsflut nutzen. Sie können online leicht Vergleichswerte von Karten finden oder von Decks, die ein ähnliches Skelett aufweisen und dennoch verschieden sind. Sie können sich ihre Variante für die eigene Situation und den eigenen Spielstil aussuchen. Das ist vor allem im Standard relevant, da dieses Format einfach zu schnell rotiert.

Nehmen wir zum Beispiel Elves als Deck:
Die Cores der Decks sehen immer ähnlich aus, Manadorks, Lords. Diese Listen sind kompetitiv, keine Frage, und doch gibt es Flexslots, die ständig variieren. Es gibt aber einfach zu viele Spieler auf der Welt, so dass man niemals der einzige sein wird, der eine bestimmte Karte für einen Flexslot vorschlägt. Deshalb ist es heute normal im Internet nach einer Liste zu schauen, verschiedene Varianten und die Flexslots zu vergleichen und sich die Krische von der Torte zu picken. Hier schauen die meisten natürlich die Listen der Profis an. Denn diese verstehen das Spiel, den Gameflow, die Synergien und den Rest aussen herum. Wenn man selbst über einen Flexslot nachdenkt, dann muss man immer bedenken, dass schonmal jemand anders (vermutlich sogar ein Profi) darüber nachgedacht hat.

Bin ich ein Brewer?

Ich selbst zähle mich zu den Brewern. Die größte Ehre für mich ist es, mit einem Deck auf einem Event aufzuschlagen und Leute sagen hören „wow, das ist ein cooles Deck, kann ich ne Liste haben?“. Dabei brewe ich meistens Fun-To-Play-Decks, ich bin also ein Timmy Johnny. Aber es kommt oft beim Testen schon vor, dass meine Listen nicht funktionieren, nicht kompetitive genug sind. Dann muss ich die Liste verbessern, sie feintunen und da hilft mir das Internet ungemein. Am meisten brewe ich mittlerweile Tiny Leaders. Im Modern habe ich mit Elven mein Deck und Standard spiel ich sowieso fast nur noch am Gameday (da dann aber oft mit Rouge-Decks, wobei Rouge ja nicht unbedingt „selbst gebaut“ ist).

Im Modern war ich zum Beispiel einer der ersten auf MTGSalvation, die über Eldritch Evolution nachgedacht haben. Ich war bei weitem nicht der einzige, ohne Frage, aber eine neue Karte zu evaluieren und zu testen macht mir Spaß. Deshalb teste ich im Moment folgende Liste:

Ihr seht also, ich habe einen bestehenden Core genommen und ganz nach meinen Einschätzungen zum Meta und zu meinem Spielstil umgebaut. Aber eigentlich habe ich ja nur einen Core genommen und umgebaut, also bin ich doch jetzt eher ein Netdecker?!

Netdecking = Win more?

Nein, netdecking erhöht die Chancen, ein gutes Deck zu haben, das im aktuellen Meta stark ist. Das setzt aber zum einen vorraus, dass das eigene Meta dem Meta entspricht, in welchem das Netdeck stark performt hat und zum anderen, dass der Pilto sein Deck spielen kann. Denn wie bereits oben erwähnt: ein Deck und seine Facetten zu kennen unterscheidet einen guten Spieler von einem schlechten.

„Wenn man die Arbeit eines anderen nimmt und nutzt, dann kommt man als Spieler nicht weiter.“

Das stimmt nicht. Man kommt vielleicht als Deckbauer nicht voran, aber zumindest der eigene Skill wird besser. Vorraussetzung hierbei: man übt das Deck regelmäßig. Das Deckbauen ist nur ein Teil des Puzzels, aber man sollte nicht annehmen, dass sich andere nicht entwickeln, nur weil sie eben nicht der gleiche Spielertyp wie man selber ist.  Kai Budde zum Beispiel war nie für seine Deckbau-Künste bekannt und trotzdem ist er ein grandioser Spieler. Er hat einfach gelernt die Werkzeuge, die andere für ihn herstellen, zu seinem Gunsten zu nutzen.

Die Liste eines anderen zu nehmen (der vermutlich besser spielt als man selbst, denn sonst wäre sein Sieg mit dem Deck nicht im Internet aufgelistet) und an das eigene lokale Meta anzupassen, das Sideboard zu tunen, sich Notizen zu Spielzügen zu machen, etc., ist ein gutes Beispiel dafür, die Idee eines anderen an den eigen Stil anzupassen. Man netdeckt und brewt gleichermaßen.

Das Wort „Netdecking“

Wir haben 2016 und Spieler nutzen immer noch das Wort „Netdecking“, so auch ich in diesem Beitrag. Aber ist das Wort nicht längst überholt? Sind wir eigentlich noch richtige Netdecker? Gibt es noch diese Spieler, die einfach exakt 75 Karten kopieren und spielen? Denn das sind die eigentlichen Netdecker. Jeder, der sich nur ein paar Gedanken darüber macht, ob sein Deck für das angestrebte Turnier passt, ist doch eigentlich kein Netdecker mehr, oder? Das heißt theoretisch sollten wir uns anders nennen, nicht Netdecker, nicht Brewer, aber wie sonst?

Fazit

Auch wenn ich als „Brewer“ oft genug über die „Netdecker“ lästere, sollte es einem doch egal sein wie und was die anderen Spielen. Das ist doch egal. Du willst dein eigenes Deck machen? Klasse, mach es! Du willst eine erfolgreiche Liste kopieren? Auch kein Problem!

Jeder hat etwas das ihn antreibt, sei es nur zu gewinnen oder sei es dadurch zu gewinnen, dass der eigene Haufen an Karten das komplette lokale Metagame zerstört. Spielt was euch am meisten zusagt, womit ihr am meisten Spaß habt und womit ihr am meisten Erfolg erreicht. Diese Ziele kann ein Deck verbinden, diese Ziele können aber auch von mehreren Decks in verschiedenen Formaten erfüllt werden. Und so sind wir alle, egal ob Netdecker oder Brewer, egal ob Timmy, Johnny oder Spike, egal ob Winner oder Loser, wir sind Magicspieler, nicht weniger, aber vielleicht doch etwas mehr.

Spielt Magic und werdet dadurch glücklich, das ist doch unser eigentliches Ziel!

Schreibt gerne eure eigene Meinung zu diesem Thema in die Kommentare :)

Auf wiedersehen und bis bald
Vormi

Published inAllgemein

4 Kommentare

  1. Es gibt da auch noch den Faktor Zeit. Ein Deck von Grund auf zu bauen und zu tunen ist deutlich aufwändiger als eine bewährte Liste zu verwenden. Noch dazu kann all die Zeit die man investiert „umsonst“ sein, weil das Deck am Ende einfach nicht läuft.

    Aber schön beleuchtet hast du das Thema!

    • vormi vormi

      Ja danke, Zeit ist sehr wichtig da stimme ich dir zu :) Zum Glück gibts es ja heutzutage Möglichkeiten den Zeitaufwand etwas zu verringern :)

  2. Lord Sonntag Lord Sonntag

    Ich bin definitiv ein Jonny. Ich spiele keine decks, die von anderen gebaut wurden, sondern bastel meine eigenen Kreationen. Allerdings immer mit dem Hintergrund, sie so kompetitiv wie möglich zu machen und auch damit zu gewinnen. Das einzigste, wo es sich für mich lohnt die Listen von anderen zu kopieren ist, wenn es sich um ein Combodeck handelt. Da steckt hinter jeder Karte eine wichtige Aufgabe, welche man als Spieler erst beim Spielen wirklich erkennt. Erst wenn man da genau weiß, wie das Deck funktioniert, kann man anfangen es zu verändern.

    • vormi vormi

      Klingt cool :) Das Problem ist halt oft, dass bei sanktionierten Turnieren die Gewinnerwartung in etablierten Formaten wie zum Beispiel Modern meistens relativ niedrig ist mit eigenen Kreationen, drum spiele ich die meistens auch nur im Standard :) Aber tatsächlich hab ich von nem Bekannten am Samstag beim Prerelease eine neue eigene Modern-Kreation gesehen und werde sein Deck mal testen und gegebenenfalls auch ein bisschen verbessern :)

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